Mit manuellen Objektiven an modernen Kameras arbeiten

Manuelle Objektive können beste Leistungen bringen und viel Spass machen.

Manuelle Objektive können beste Leistungen bringen und viel Spass machen.

Manuelle Objektive, vorwiegend auch ältere Modelle, werden von vielen Fotografen hoch gelobt. Aber für viele erschließt sich gar nicht, was daran so toll sein soll. Kein Autofokus, keine automatische Belichtungssteuerung, viel Aufwand für weniger gute Ergebnisse also? Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Ja, gute ältere manuelle Objektive liefern auch an modernen Kameras erstklassige Ergebnisse. Aber man muss sich auf eine andere Arbeitsweise einstellen und mit einigen Einschränkungen leben.

Dafür hat man – vor allem auch bei Videoaufnahmen – etliche Vorteile. Hier habe ich mal die wichtigsten Punkte aus meiner Sicht zusammengefasst.

Die Einstellwege alter DSLR-Objektive sind viel länger und lassen sich feiner justieren.

Die Einstellwege alter DSLR-Objektive sind viel länger und lassen sich feiner justieren.

Manuelle Objektive – nicht alle haben Top-Qualität

Die Begeisterung für ältere manuelle Objektive bezieht sich meistens auf lichtstarke Festbrennweiten. Also Linsen, bei denen die Lichtstärke mit 1,4 oder 1,7 angegeben wird. Sie erzeugen auch an modernen Kameras ein schönes Bokeh, also einen ausgeprägten Unschärfebereich, der das eigentliche Motiv besonders hervorhebt.

Empfehlenswert sind Festbrennweiten mit hoher Lichtstärke. Ein Zoom mit Anfangslichtstärke 4 oder 5,6 muss man meiner Ansicht nach nicht reaktiveren oder neu kaufen.

Ältere Linsen wurden meist für Kleinbild-Kameras berechnet und gebaut. Das entspricht den heutigen, eher teuren Vollformatkameras unter den digitalen Kameras. Aber natürlich lassen sich auch Micro-Four-Third-Kameras oder Modelle mit einem APS-C Sensor einsetzen, denn deren Bildkreis ist kleiner. Es braucht dazu einen meist recht preiswerten Adapter. Der ist aber unter anderem deswegen so preiswert, weil er nur ganz wenige Funktionen und Informationen überträgt – wenn überhaupt. Es sind also manuelle Einstellungen gefragt.

Brennweiten

Der kleinere Sensor verursacht eine Verlängerung der Brennweite, die auf einem älteren manuellen Objektiv für Kleinbild oder Vollformat angegeben ist. Der Faktor der Brennweiten-Verlängerung an einer MFT-Kamera ist eine glatte 2. Das einstige Kleinbild-Standard-Objektiv mit Brennweite 50 Millimeter und Lichtstärke 1,7 ist nun also an der MFT-Kamera ein 100-Millimeter-Objektiv. Und bildet damit nicht mehr eine „Normalansicht” ab, sondern ist eher in Tele, das sich zum Beispiel gut für Porträts einsetzen lässt. Kamera-Modelle mit einem APS-C Sensort, der rund halb so groß wie das Vollformat ist, kommen mit einem Faktor von „nur” 1,6 aus. Aber auch hier hat das 50-Milimeter-Objektiv nun eine Brennweite von 80 Millimeter.

Die Brennweitenverlängerung auf kleineren Sensoren sorgt dafür, dass aus den meisten verfügbaren Linsen nun leichte Tele-Objektive werden. Das ist nicht jedermanns Sache. Was früher als Weitwinkel galt (zum Beispiel 24mm) oder gar als Ultra-Weitwinkel (10mm) rückt moit der Brennweitenverlängerung in den Normalbereich oder wird bestenfalls noch ein leichtes Weitwinkel. Die Kombination hohe Lichtstärke und geringe Brennweite (also zum Beispiel 24mm bei Lichtstärke 1,7) ist unter den älteren Linsen nur schwer zu finden. Wir sollten uns also darauf einstellen, dass wir mit solch einer Lösung nur schwer in den besonders attraktiven Weinwinkel-Bereich vordringen. Normale oder leichte Tele-Einstellungen bekommen wir dagegen für wenig Geld in guter Qualität.

Im günstigsten Fall ist der Adapter nur ein preiswerter Metallring zur Anpassung des Bajonetts.

Im günstigsten Fall ist der Adapter nur ein preiswerter Metallring zur Anpassung des Bajonetts.

Die Adapter

Die Adapter sind höchst unterschiedlich in Bauart und Funktion. Die einfachste Lösung, und die würde ich jetzt mal empfehlen, sorgt nur für die mechanische Anpassung eines Kleinbild-Bajonetts von einem älteren Objektiv an das aktuelle Bajonett einer modernen Kamera. Manche Kameras wie meine Canon EOS M Modelle, verweigern da erst einmal die Zusammenarbeit. Denn sie erkennen anhand der fehlenden Datenübertragung kein Objektiv, das mit der Kamera „redet”. Es gibt ja keine Infos über Blende und Entfernungseinstellung. In den Tiefen des Menüs ist eine Funktion versteckt, die meine Kamera dazu überredet, auch „ohne angeschlossenes Objektiv” auszulösen. Und das reicht ja auch schon.

Einstellen von Fokus

Weil die älteren Linsen keinen Autofokus besitzen, stellen sie auch auf nichts automatisch scharf. Es ist also Handarbeit gefragt. Mit einer Kontrolle der Schärfe an den viel zu kleinen Suchern und Displays kann man da schnell überfordert werden. Sportfotos werden so ausgesprochen schwierig. Aber für andere Motive findet sich oft eine Lösung.

Zum einen haben die älteren Linsen meist lange Verstellwege für die Einstellung der Bildschärfe. Bei den modernen Linsen mit motorischer Einstellung erschien es sinnvoll, diese Einstellwege drastisch zu verkürzen. Denn die Motoren sind erstens oft präziser als die Handeinstellung. Und zweitens fressen die langen Verstellwege ja auch mehr Strom. Für uns bedeutet das, dass wir mit etwas Feingefühl sehr kontrolliert den Fokus einstellen können.

Eine technische Änderung macht das sogar noch einfacher. Manuelle Einstellungen sind ja auch an vielen modernen Kameras möglich. Deswegen gibt es hier oft ein sogenanntes Fokus-Peaking. Im Display und / oder im Sucher werden die Kanten eingefärbt, wenn sie scharf abgebildet werden. Auf die Weise erkennt man leichter, wo der Schärfebereich nun gerade liegt. Selbst dann, wenn man mit bloßem Auge auf dem Display die Schärfe nicht genau erkennen kann. Manche Kameras aktivieren dieses Darstellung automatisch, wenn ein manuelles Objektiv angeschlossen ist. Bei anderen muss man die entsprechende Einstellung in den Tiefen seines Menüs suchen.

Nicht alle manuellen Objektive sind alte DSLR-Linsen: Speziell für Videoaufnahmen gibt es Objektive mit Zahnkranz für den Follow Focus und stufenloser Blende.

Nicht alle manuellen Objektive sind alte DSLR-Linsen: Speziell für Videoaufnahmen gibt es Objektive mit Zahnkranz für den Follow Focus und stufenloser Blende.

Blendeneinstellungen

Die Blende einzustellen ist oft das geringere Problem. Oft will man ja gerade die hohe Lichtstärke nutzen und fotografiert mit offener Blende. Moderne Kameras stellen auf dem Display auch die errechnete Belichtung dar. Und wenn ich die Blende offen lasse, gibt es da nicht viel zu berechnen. Knifflig wird es, wenn ich die Blende schließe. Dann muss ich mit Versuchsreihen arbeiten. Ich kann noch immer die Belichtungsautomatik nutzen, bei der die Verschlusszeit automatisch angepasst wird. Aber ich erkenne meist erst nach der Belichtung, ob die Kamera 1/500 Sekunde verwendet hat oder 1/4 Sekunde – und dann ist das Bild vielleicht verwackelt.

Aber es gibt noch einen weiteren Ausgleich. Moderne Kameras bieten die Möglichkeit, den ISO-Wert, also die Lichtempfindlichkeit des Sensors automatisch anzupassen. Wer also die Zeitautomatik, die Programm-Automatik und / oder die automatische ISO-Einstellung nutzt, der bekommt zumindest richtig belichtete Bilder ohne Versuchsreihe. Selbst ältere DSLR wie meine Canon 550D ist kann Dank Magic Lantern auch diverse Einstellmöglichkeiten für Fokus-Peaking und Zebras für Schärfe aktivieren, die das Arbeiten erleichtern.

Foto oder Video

Was bisher gesagt wurde schreckt vielleicht manche Fotografen ab. Nicht jeder zieht mit dem Stativ durch die Lande,komponiert seine Aufnahmen und freut sich über detaillierte Einstellungen von Fokus und Blende. Aufgeschlossener sind meist die Video-Filmer. Sie arbeiten oft sowieso mit Stativ. Für den fein abgestimmten Fokus setzen sie gerne noch einen Focus Puller (Follow Focus) an die Kamera. Zur Kontrolle der Einstellungen ist eine aufsetzbare Display-Lupe erhältlich.

Und schließlich gibt es neuere manuelle Objektive (wie die Cine-Objektive von Walimex, Rokinon,, Samyang) die nicht nur schon einen Zahnkranz für den Follow Focus haben. Bei ihnen wurden auch die Klickstufen für die Blendeneinstellungen deaktiviert. Jetzt kann man ganz sanft in längeren Einstellungen die Blende verändern, ohne das Ruckeln, das durch das einrasten verursacht wird. Übrigens gibt es für viele Objektive auch Dienstleister, die das Klicken der Bendenringe beseitigen, so dass sie sich stufenlos verstellen lässt. Gerne auch mit einem eigenen Zahnkranz.

Meine Empfehlung

Wer ältere Objektive mit hoher Lichtstärke im Bereich bis zu 50 Millimeter besitzt, der kann leichtern Herzens auch den geringen Betrag für einen einfachen Objektivadapter ausgeben. Für den leichten Telebereich finden sich etliche Anwendungsmöglichkeiten.

Am komfortabelsten lassen sich solche Objektiv-Adapter-Lösungen beim gestalterischen Fotografieren mit Stativ nutzen. Wenn man etwas Zeit für die Einstellungen hat, fürs Ausprobieren, was mit der jeweilige Kombination aus Kamera, Adapter und Linse geht – und was eben nicht. Die Kontrolle der Aufnahmen am Display zeigt schnell, welche Methoden gut funktionieren.

Ist das den Aufwand wert? Für Landschaftsfotografen werden Aufwand und eventuelle Einschränkungen durch das manuelle Arbeiten oftmals nicht ins Gewicht fallen. Aber das schöne Bokeh nutzt man ja nicht bei  Unendlich-Einstellung. Produkte und Porträts profitieren noch mehr vom Einsatz dieser Linsen. Und mit einem Stativ funktionieren sie nach meiner Erfahrung ebenfalls sehr gut. Videofilmer lieben diese Linsen, die selbst mit einem Umbau auf nicht klickbare Blenden nur einen Bruchteil der teuren Cine-Objektive kosten.

Oft ist gibt es auch – je nach Kamera-Hersteller – (noch) gar keine lichtstarken Objektive für den Wunschbereich – oder sie sind sehr teuer.

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