Zeitungssterben und “Paid Content”

16. Dezember 2009

Es ist ein trauriges Kapitel: Den Zeitungsverlagen, die jahrelang die Entwicklungen im Internet verschlafen haben, brechen Anzeigen und Leser weg. Heute berichtet Spiegel Online über das Beispiel des Miami Herald, der seine Leser um Spenden bittet (US-Medienkrise: Online-Zeitung bittet Leser um Spende).

So traurig diese Entwicklung und ein weiteres Beispiel auch sein mögen, die Darstellung von Stefan Niggemeier Aussichtslos, selbstmörderisch, unverschämt lässt mich dann doch wieder schmunzeln. Er berichtet, wie der Axel Springer-Verlag versucht, das Hamburger Abendblatt von jetzt auf nachher auf Bezahl-Inhalte umzustellen. Aus dem Artikel:

“Man könnte denken, dass ein Händler, der plötzlich eine so radikale Verteuerung seines Angebotes bekannt geben muss, alles dafür tut, seine Kunden zu umwerben, ihm treu zu bleiben. Ikens Text aber ist eine Frechheit. Er liest sich fast, als müsste man sich als Leser von Online-Medien schämen, dafür so lange nichts gezahlt zu haben. Das muss man erst einmal bringen: Bei der Bewerbung seines eigenen „Qualitätsjournalismus” Absätze lang rumzuschimpfen wie ein einarmiger Renter 1968 über die langhaarigen Studenten.”

Absolut lesenswert und aus meiner Sicht ebenso gut analysiert wie richtig.

3 Kommentare zu “Zeitungssterben und “Paid Content””

  1. Oswald Prucker

    Niggemeier argumentiert einerseits sehr überzeugend, andererseits höre ich immer, dass die Verlage das alles verschlafen haben. Was aber hätten sie denn anders machen sollen? Was wäre denn die Lösung? Da lese ich recht wenig drüber. Vielleicht beschäftige ich mich zu wenig damit, denn ich bin nicht betroffen. Da es aber offensichtlich außer spiegel.de (?) kein lukratives Online-Angebot gibt, scheint es ja auch wirklich schwer zu sein.

  2. joachim

    Unstreitig ist, dass die Zeitungsverlage nicht nur die Entwicklungen im Netz verschlafen haben, sondern dass auch jetzt noch nicht begriffen haben, wie das Web tickt. Schönes Beispiel dafür ist die Tatsache, dass neue Bezahlangebote oft auch noch mit nerviger Werbung gespickt sind. Dabei ist genau das Weglassen der Werbung Grund dafür, dass in einigen Fällen Bezahlangebote zumindest teilweise funktioniert haben.

    Ich finde, Niggemeier nennt genügend Lösungsansätze. Zum Beispiel den Punkt, erst Reichweite aufzubauen, dann auf Werbung zu setzen.

    In meinen Augen betrieben die meisten Verlage eine Industrialisierung – nicht der Herstellung von bedrucktem Papier, sondern des Journalismus: Billiger Content, so oft genutzt, wie es eben geht. Und hinter allem steckt der begrenzte Horizont der hergebrachten Verbreitungswege und Vermarktung.

    Wer noch immer glaubt, die Verlage mit Internetangebot hätten begriffen, wie es geht, der sollte sich mal das uniforme Videoangebot ansehen, so es denn vorhanden ist. Und den Vermarktungsmechanismus, der dahinter steht. Die dahinter stehenden Agenturen machen ja keinen Hehl aus ihrem Preismodell.

    Der Handel mit billiger Allerweltsware führt dann dazu, dass freie Journalisten für aufwändige Videobeiträge gerade mal 80 Euro angeboten bekommen – das ist in etwa der Betrag, den die Anbieter den Verlagen als Erlös aus zur Verfügung gestellten Beiträgen vorrechnen…

  3. Michael W. Pleitgen

    Am Wochenende gabs ein interessantes Interview mit Stephan Russ-Mohl im TAGESSPIEGEL http://bit.ly/56Io7t. Russ-Mohl sieht US Zustände auf die deutsche Zeitungslandschaft zukommen, da man hier schlicht und ergreifend geschlafen hat. Zulange wurden die neuen Medien ignoriert und jetzt ist niemand da, der Ahnung hat. Habe mir darauf hin mal die Wein-Journalisten angeschaut, welche Wege die beschreiten. http://bit.ly/61PQpK


Eine Seite von Joachim Ott